• Grund (SI)

  • Länge: 9,4 km

  • Höhenmeter: 272 m

  • Dauer: 2,5 – 3 h

  • Natur  | Ausblicke  | Kultur/Historie 

  • Parken: 57271 Hilchenbach-Grund | Parkplatz Dorfgemeinschaftshaus (Jung-Stilling Straße)

  • Startpunkt: Dorfgemeinschaftshaus „Alte Kapellenschule“

  • Einkehrmöglichkeiten: Ginsburgschänke | Biergarten Zollposten

  • Wegbegleiter: –

  • Erwandert: November 2021

Goethes Weggefährte und niederländische Geschichte

Johann Heinrich Jung, genannt Jung-Stilling (1740 – 1817), machte sich als Augenarzt, Wissenschaftler und Schriftsteller sowie Weggefährte Goethes einen Namen. Ihm zu Ehren entstand rund um seinen siegerländer Geburtsort Grund der 9,4 km lange Jung-Stilling-Rundweg. Dieser verbindet wichtige Stationen aus dessen Kindheit und führt zur Ginsberger Heide sowie Ginsburg hinauf.

Der Jung-Stilling-Rundweg startet am ursprünglich 1792 erbauten Dorfgemeinschaftshaus Alte Kapellenschule und führt mich zunächst durch den Dorfkern am Spritzenhaus vorbei zu Jung-Stillings Geburtshaus Stölersch, das am 3. August 1928 durch ein Feuer vollständig zerstört wurde. In dem an gleicher Stelle errichteten neuen Gebäude hat der Siegerländer Heimat- und Geschichtsverein eine Gedenkstube errichtet (Besichtigung nach Terminvereinbarung).

Anschließend verlasse ich den Hilchenbacher Ortsteil und steige den Berg hinauf zum Weidekampen. Dabei eröffnen sich immer wieder einige Ausblicke auf Grund und das Insbachtal. Nach einem Ausblick auf das Nordsiegerländer Bergland macht der Qualitätsweg kehrt und führt über leicht ansteigende Wege am Hang entlang in Richtung Kronprinzeneiche (552 m), die 1833 vom damaligen Kronprinzen und späteren König Friedrich Wilhelm IV. von Preußen (1795 – 1861) eigenhändig gepflanzt wurde.

Dort quere ich die Bundesstraße B 508 und wandere auf einem mittelalterlichen Handelsweg zur Ginsberger Heide mit angrenzendem Hochmoor hinauf. Dabei passiere ich auch eine Infotafel, die meine Aufmerksamkeit weckt: Hier entstand mit dem Kromfohrländer eine neue Hunderasse (Fun Fact: Wir besitzen mit Milow einen dieser seltenen Kromfohrländer).

Kurz darauf erreiche ich an der Ginsberger Heide den mit 604 m höchsten Punkt des Jung-Stilling-Rundwegs. Gleichzeitig treffe ich hier aber auch auf den Rothaarsteig, der mich die nächsten 500 m begleiten wird.

Es geht dann an einer Köhlerhütte vorbei zur nahegelegenen Ginsburg (583 m), die man über einen 300 m langen Anstieg erreicht. Die Ginsburg ist vor allem ein sehr geschichtsträchtiger Ort: Im Jahre 1568 traf Wilhelm I. von Oranien-Nassau hier seine ersten Vorbereitungen zur Befreiung der Niederlande von spanischer Herrschaft. Außerdem bietet der rekonstruierte Hauptturm mit Aussichtsplattform eine großartige Aussicht auf Hilchenbach, über Teile des Rothaargebirges, des südlichen Sauerlandes und des Siegerlandes.

Von der Ginsburg wandere ich dann auf einem breiten Wirtschaftsweg wieder bergab zum Bahnhof Zollposten, wo ich erneut die B 508 quere. Nachdem ich die Gleise der sog. Rothaarbahn überquert habe, geht es am Kromberg (523 m) vorbei über zumeist leicht befestigte Wirtschaftswege bis ins Insbachtal westlich von Grund. Dort passiere ich zunächst ein Wassertretbecken und folge der Talaue zurück in Richtung Grund. Nach einem letzten Anstieg wandere ich dann etwas oberhalb des Baches am Hang entlang und genieße die Aussichten auf das Dorf Grund. Schließlich steige ich wieder in den Ort hinab und gelange durch die Jung-Stilling-Straße zurück zu meinem Ausgangspunkt am Dorfgemeinschaftshaus Alte Kapellenschule.

Fazit

Der Jung-Stilling-Rundweg erweist sich als geschichtsträchtiger Rundwanderweg, der vor allem kulturelle Höhepunkte bereithält. Als Qualitätsweg kann er hingegen nicht überzeugen. Der hohe Anteil leicht befestigter Wege, der stellenweise Lärmpegel durch die Bundesstraße und die relativ langweilige zweite Hälfte lassen das Wanderherz nicht wirklich höherschlagen. Positive Ausnahmen auf der Tour bilden die verschiedenen Infotafeln mit sehr interessanten Geschichten aus dem Siegerland sowie die Ruine Ginsburg mit toller Aussicht auf Hilchenbach, über Teile des Rothaargebirges, des südlichen Sauerlandes und des Siegerlandes.

  • Bewertung:

  • Schwierigkeit: mittel

  • Wege:
    – hoher Anteil leicht befestigter Wege
    – sehr geringer Pfadanteil

  • Highlights: Ginsburg

Wissenswertes

Das stark bewaldete und wenig bevölkerte Umland von Hilchenbach, das sich in den Südwesthang des Rothaargebirges zieht, wird Hilchenbacher Winkel genannt. Die geschützte und abgeschlossene Tallandschaft rund um Hilchenbach ist stark von der Ferndorf, dem Hauptgewässer im nördlichen Siegerland, und ihren zahlreichen Zuflüssen geprägt. Diese Bäche haben tiefe und oft steilhängige Täler in das Bergland geschnitten. Hilchenbach selbst liegt in einem Talkessel, in dem sieben Seitentäler im Ferndorftal zusammenlaufen. Im Osten zeigt sich dabei die Lützel als Barriere. Ein schroff abfallender Höhenzug liegt im Süden, während im Norden die etwas sanfteren Hänge des Rothaargebirges liegen.

Prof. Dr. med. Dr. phil h.c. Johann Heinrich Jung (genannt Jung-Stilling) wurde am 12. September 1740 als Sohn einer Handwerksfamilie in Grund geboren. Bis zu seinem Tod am 2. April 1817 in Karlsruhe bestach er durch seine vielfältigen Talente. Nach seinen Tätigkeiten als Dorflehrer, Schneidergeselle, Köhlergehilfe und Knopfmacher studierte er 1770 – 1772 an der medizinischen Fakultät der Universität Straßburg und lernte dort u.a. auch Johann Wolfgang Goethe kennen.

Anschließend lehrte Jung-Stilling 25 Jahre lang ökonomische Wissenschaften, Medizin und Agrarwissenschaft in Kaiserslautern, Heidelberg und Marburg. Er wirkte als Augenarzt, religiöser Volksschriftsteller und Nationalökonom und ist Verfasser von zahlreichen Lehrbüchern und Fachaufsätzen. Herausragend für die damalige Zeit war besonders seine augenärztliche Tätigkeit. Er führte bis zu 3000 Augenoperationen durch (insbesondere am Grauen Star) und diente über 25000 Menschen mit augenärztlichem Rat.

Weltweite Bekanntschaft erlangte Jung-Stilling aber in der deutschen Literaturgeschichte. Er schrieb seine Jugenderlebnisse nieder, die sein Freund und Weggenosse Goethe überarbeitete und 1777 unter dem Titel „Heinrich Stillings Jugend“ herausgab.

Warum sich Jung den Namen „Stilling“ beilegte, ist nicht genau bekannt. Zu seiner Zeit bedeutete „still“ in erster Linie „friedlich“. Andere Erklärungen verweisen darauf, dass er wegen seiner Zugehörigkeit zu den Stillen im Lande, den Pietisten, Jung-Stilling genannt wurde.

Der Kromfohrländer ist eine der jüngsten deutschen Hunderassen. Ilse Schleifenbaum (1897-1991) flüchtete mit ihren Kindern in den letzten Kriegsjahren des Zweiten Weltkriegs aus dem stark zerstörten Siegen für einige Zeit in ihr kleines Ferienhaus nach Hilchenbach. Das Haus lag nahe der Ginsburg auf der Gemarkung „Krummenfohr“, was „krumme Furche, krummer Weg“ bedeutet und vermutlich den ehemals aus dem Wittgensteiner Land kommenden, geschlängelten Fuhrweg bezeichnete. Diese seit dem 18. Jh. überlieferte Flurbezeichnung war später Namensgeber für die Hunderasse.

Dabei entstand die Rasse eher zufällig: 1945 nahm Ilse Schleifenbaum einen streunenden Hund auf, vermutlich einen Griffon Vendéen Mischlingsrüden, den amerikanische Soldaten aus Frankreich in den Nachkriegswirren ins Siegerland mitgebracht hatten. Der Rüde hatte bei einer Rast die Weiterreise der Soldaten offensichtlich verpasst und streunte einige Zeit durch das Ferndorftal, bis Ilse Schleifenbaum ihn rettete. Aus seiner Liebelei mit Schleifenbaums Foxterrier Hündin gingen solch hübsche, gleichmäßig aussehende Welpen hervor, dass Ilse Schleifenbaum die Verpaarung bewusst wiederholte. Erst 1955 war das Ergebnis so gleichmäßig und zufriedenstellend, dass die Rasse anerkannt wurde.

Die Ginsberger Heide ist Teil des NSG Rothaarkamm und Wiesentäler. In der Ginsberger Heide wechseln sich weitläufige Offenlandflächen aus Heide, Moor, Borstgrasrasen und Magerwiesen mit seltenen Waldstandorten wie Birkenbruch und Schluchtwald oder gut ausgebildeten Burchenwäldern ab.

Früher war die Ginsberger Heide aber auch ein wichtiger Verkehrsknotenpunkt. So bildeten wichtige zum Teil frühgeschichtliche Fernstraßen (z.B. Eisenstraße) ein Netz von natürlichen, über die Bergkämme führenden Wegen, die sich auf der Ginsberger Heide kreuzten.

Die Ginsburg ist die Ruine einer 1255 erstmals erwähnten Höhenburg auf dem Schlossberg (588 mm). Die nassauische Burganlage wurde dabei auf den Resten eines Vorgängerbaus errichtet, der der Sicherung der Grenze zwischen Franken und Sachsen sowie zur Kontrolle der Fernhandelswege diente.

Besondere Bedeutung erlangte die Ginsburg im April des Jahres 1568, als Wilhelm I. von Oranien-Nassau auf der Burg seinen Feldzug zur Befreiung der Niederlande von spanischer Herrschaft plante. 1572 sammelte er dann auf der nahegelegenen Ginsberger Heide die Truppen seines Heeres, um von dort aus nach Friesland aufzubrechen und die Spanischen Niederlande zu befreien. In der Folge begann der Achtzigjährige Krieg (1568 – 1648), woraus die Utrechter Union hervorging. Somit nahmen von der Burg entscheidende europäische Ereignisse ihren Ausgang. Die Ginsburg wurde nach 1957 als offizielle „Gedenkstätte niederländischer Geschichte“ ein wichtiger Ort.

Ab dem Ende des 17. Jh. verlor die Burg dann ihre militärische Bedeutung und verfiel zur Ruine. Die preußische Forstverwaltung ließ die durch Steinraub dezimierten Reste der Burgmauern und -gewölbe in den 1880er Jahren schließlich zuschütten und das Burgareal einebnen. Die Mauerreste der Gipfelburg wurden erst wieder in den 1960er freigelegt, restauriert und rekonstruiert.

Nach Beendigung der Ausgrabungsarbeiten wurde der noch 3 m hohe Stumpf des Bergfrieds in freier Rekonstruktion 1967/1968 aus Bruchsteinen neu aufgemauert und mit einer Aussichtsplattform versehen. Die etwa 14 m hohe Plattform bietet eine Fernsicht über Teile des Rothaargebirges, des südlichen Sauerlandes und des Siegerlandes. Im zweiten Obergeschoss befindet außerdem eine als Festsaal ausgestaltete Zweigstelle des Hilchenbacher Standesamts. Auf dem Gelände der ehemaligen Vorburg befindet sich außerdem eine Burgschänke.

Zwischen 1830 und 1835 wurde die Kunststraße oder Wittgensteiner Straße durch das Ferndorftal und hinauf nach Lützel neu errichtet. Dies brachte einen gewaltigen Verkehrsfortschritt für Hilchenbach mit sich. Da der Bau solcher Straßen jedoch sehr kostenintensiv war, musste jedes Fuhrwerk Wegegeld bezahlen. Hierzu wurden Erhebungsstellen mit Schlagbäumen entlang der Straße angelegt. Eine solche Zollstell war am sog. „Zollposten“ aufgebaut.

In den Jahren 1887/88 entstand an dieser Stelle dann eine Bahnstation mit angrenzender Wartehalle.